KARNAP - Start
KARNAP plant  !?
KARNAP baut ...
AKTUELLES
VERANSTALTUNGEN
EREIGNISSE
RÜCKBLICKE
ERINNERUNGEN
GESCHICHTSKREIS Carnap
VEREINE
JUGEND-PORTAL
FORUM - Was Sie bewegt ...
FÜR SIE entdeckt ...
GLÜCK  AUF !
Geschichtsforum
Termine
Ehrung der Bergleute
Vom letzten Stammtisch
Nordsterntag 2007
Ausstellung Nov. 2006
Nordsternbaum 2006
Presse-Info !
Spiegel online
Snatgang
Lesung im Stollen
Historischer Rundgang
Erzbergwerk
Wittener Muttental
Ruhrstudio filmt mit ...
PRESSE-ARCHIV
GÄSTEBUCH
Einträge
KONTAKT
STADTPLAN
 



Von Jürgen Bröker

Die Zeche Nordstern war früher einer der größten Arbeitgeber in Gelsenkirchen. Dann kamen Zechensterben und Strukturwandel. Heute suchen die Menschen auf dem weitläufigen, renaturierten Gelände nicht mehr Kohle, sondern Erholung. Zwei ehemalige Kumpels erinnern sich.

Wilhelm Weiß kommt gleich zur Sache. Ein kurzer Händedruck zur Begrüßung, schon ist er mitten im Thema. "Sehen sie das helle Dreieck da an der Wand? Da stand früher der Dr. Unblutig", sagt er und lacht. Er steht auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Nordstern in Gelsenkirchen. Direkt vor dem Bistro, das vor etwas mehr als einem Jahrzehnt noch das Magazin der Bergleute war. Dort lagerte das Werkzeug und Material der Kohlenhauer und Steiger. "Dr. Unblutig" - so nannten die Männer auf Nordstern den Sanitätsbereich. Wilhelm Weiß ist wandelnde Geschichte. Auch weil er den Wandel der Geschichte am eigenen Leib erfahren hat.

Von 1966 bis 1992 hat er auf Nordstern gearbeitet, lange Jahre davon unter Tage. Er ging, noch bevor das Bergwerk im Jahr 1993 starb. Er hat zahlreiche Besucher über die Bundesgartenschau (Buga) geführt, die 1997 auf dem Gelände der ehemaligen Zeche eröffnet wurde. Noch heute lockt die 100 Hektar große Fläche täglich viele Besucher an. Sie spazieren über die großzügigen Wege, gehen mit ihren Kindern zum Wasserspielplatz, klettern im Haldegarten an den speziellen Felsen oder lauschen verschiedenen Konzerten im Amphitheater: einer Freilichtbühne am und im Rhein-Herne-Kanal, der sich geradlinig seinen Weg durch den Park bahnt.

Früher dunkle Schächte, heute gläserne Büros

Das ehemalige Buga-Gelände und die sanierten Gebäude machen sichtbar, was überall im Revier geschieht und zum Großteil schon geschehen ist: Zechensterben, Strukturwandel. Einst arbeiteten auf Nordstern 4500 Menschen. "Und da sind die Arbeitsplätze von Zulieferern und Betrieben rund um die Zechen noch nicht einmal eingerechnet", sagt Weiß. Heute sind auf dem Gelände etwa 350 Menschen tätig.

GELSENKIRCHEN: DAS VERMÄCHTNIS DER KOHLE

Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke auf Spiegel online zu starten

Wenn auf Schalke die Sonne untergeht, glühen die Zapfhähne und das Leben nach der Arbeit beginnt. Wer mit einem knallgelben Brasilientrikot in eine der berühmten Kneipen stiefelt, sollte sich allerdings als Fan der Selecao zu erkennen geben. Denn auch der Alptraum der Schalker trägt gelb. Was man sonst noch alles wissen sollte, verrät der WM- Ratgeber von "11 Freunde""Hier, vor diesem Gebäude war früher alles voller Schienen. Das war die Verladestation", erklärt Karl Heinz Breil. Er zeigt auf den heutigen Hauptsitz der Wohnungsgesellschaft THS. Es habe nur so von Waggons gewimmelt. Breil blättert in einem Fotoalbum, in dem er alte Schwarz-Weiß-Bilder fein sorgfältig hinter Folie aufgeklebt hat. "Alles am Computer nachbearbeitet, was meinen Sie, wie die im Original ausgesehen haben."

Breil ist ein genauer Kenner der Stadtgeschichte Gelsenkirchens. Sein Urgroßvater hat einen Schacht auf Nordstern mit abgeteuft. Wie sein Freund Weiß war auch Breil sein Arbeiterleben lang in der Montanindustrie beschäftigt. Auf Gelsenberg Benzin, der heutigen Veba-Öl. Die alte Verladestation ist das Zentrum der Gebäude, die die THS außergewöhnlich saniert hat. So blickt man vom beeindruckenden Foyer mit seinen roten Stahlstreben in viele gläserne Büros. Gleich rechts neben dem Haupteingang liegt der alte Förderturm. "Da ging es 1042 Meter tief runter", sagt Weiß. Er steht auf einer hellen Betonschicht. Ende 1993 war das Loch zugeschüttet. Mit Beton. "14 Tage lang rollte hier ein LKW nach dem anderen rein", sagt Breil.

Nase gebrochen, Brille heil

Die alten Stahlpfeiler haben viele Bergleute kommen und gehen sehen. Bereits 1855 begannen die ersten Arbeiten auf dem Gelände. Elf Jahre später bekam die Zeche ihren Namen Nordstern deshalb, weil sie die nördlichste im ganzen Revier war. Als sie 1993 die Tore für immer schloss, war sie die südlichste. Breil und Weiß kennen viele Anekdoten und Geschichten rund um die Zeche und das Leben im Kohlenpott. Lustige, aber auch tragische. So kamen bei drei Schlagwetterexplosionen in den Jahren 1918, 1937 und 1955 insgesamt 26 Bergleute ums Leben. Karl Heinz Breil erinnert sich aber auch an die schönen Dinge des Bergbaus. Als kleiner Junge war er immer schwer beeindruckt, wenn die Bergleute in ihren Holzschuhen über die Straße zum Pütt zogen. Oder wenn sie ihr Mittagsmahl draußen vor den Fördertürmen einnahmen. Frisch zubereitet und gebracht von den Frauen daheim. Wenn er damals seine Tante Mia als Essensbote begleiten durfte, sei dies ein Höhepunkt des Tages gewesen.

WO DER BALL ROLLT

Während der Fußball- WM schaut die ganze Welt auf Deutschland - und die Deutschen lernen ihre Heimat von neuen Seiten kennen. SPIEGEL ONLINE porträtiert in einer Serie die zwölf Städte, in denen der Ball rollt. Jeder Metropole widmen sich eine Reportage und ein Service- Text mit praktischen Informationen.Brillenträger Weiß erinnert sich noch besonders gut an seine erste Sehhilfe für Untertage. "Meine Augen waren damals so schlecht, dass ich die Leute nur noch an ihrer Stimme erkennen konnte", erzählt er. Von der Knappschaft bekam er sein erstes Modell für die Arbeit im Stollen. Erst wenige Tage saß sie auf seiner Nase, da hatte der Bergmann einen Unfall. Einige herunterfallende Gesteinsbrocken rissen ihm Helm und Brille vom Kopf. Die Nase war gebrochen, die Brille heil.

Von der Arbeit der Bergleute erzählt auch der Besucherstollen, den Weiß und seine Mitstreiter vom Freundeskreis Nordstern liebevoll eingerichtet haben. Regelmäßig öffnen sie die schwere Gittertür, an der hoch oben die Bergmannswerkzeuge "Schlägel und Eisen" symbolisiert sind. Dahinter liegt ein 63 Meter langer, dunkler Tunnel. Im vergangenen Jahr haben sich dort mehr als 3500 Besucher angesehen, wie sich die Arbeit unter Tage entwickelt hat. Ein Schlaghammer, der früher die Grubenfahrten eingeläutet hat, hängt direkt am Eingang. Weiß lässt ihn laut durch den Stollen hallen. Alte Bilder zeigen schuftende Bergleute, darunter stehen mehr als 100 Jahre alte Förderwagen.

Die Feuer sind erloschen

Die Montanindustrie war noch vor 30 Jahren Arbeitgeber für fast 17.000 Menschen in Gelsenkirchen. Der Stadt, in der heute mehr als jeder fünfte Erwerbsfähige vergeblich eine Arbeit sucht. Mit über 20 Prozent hat Gelsenkirchen die höchste Arbeitslosenquote in Nordrhein-Westfalen. Nur wenig zeugt nach außen noch von der alten Bergbauzeit. Wie die stillstehenden Förderräder, einige Zechensiedlungen oder das Steigerlied, mit dem die Kicker des FC Schalke 04 bei Heimspielen in ihre Arena einziehen. Auch die 1000 Feuer, die den Nachthimmel über dem Landstrich entlang der Emscher einst erleuchteten, sind weitgehend erloschen.

Ein wenig trauern Weiß und Breil dieser Zeit schon nach. Weiß ist 63 Jahre alt, Breil 75. Sie haben fast ihr ganzes Leben im Revier verbracht. Sicher, es sei schon schade, dass die ganze Bergbaukultur immer mehr verschwinde, sagen sie. Über eineinhalb Jahrhunderte hat sie die Menschen hier geprägt. Dennoch empfänden sie keine Wehmut, wenn sie heute über das Buga-Gelände in Gelsenkirchen gehen und die restaurierten Gebäude sehen. "Im Grunde genommen war die Bundesgartenschau doch das Beste, was Nordstern passieren konnte. Das Gelände ist doch wunderschön geworden", sagt Weiß. Vor allem eines vermissen beide nicht: Den Gestank und den Ruß der alten Zeit. "Früher konnte man die Wäsche nicht zum Trocknen raushängen. Und jetzt? Ist das nicht herrlich, die frische Luft hier im Park?", sagt Weiß. Wie zum Beweis strahlt der Himmel an diesem Vormittag wunderbar blau über dem Förderturm mit der stolzen Aufschrift NORDSTERN.


23.06.2006
Veröffentlichung mit Einverständnis von Reinhold Adam und Willi Weiß
Top